lean construction, construction planning and process

Lean Construction – die Wunderwaffe in der Bauindustrie?

Veröffentlicht am Posted in Allgemein

Wenn ich Ihnen zu Anfang verrate, dass viele Bauprojekte weder kosten- noch zeiteffizient realisiert werden, sind Sie sicher nicht überrascht. Ein Blick in die Nachrichten und auf derzeitige Bauprojekte wie Stuttgart 21 oder den Berliner Flughafen regen nicht gerade zu Freudesprüngen an. Oftmals stockt die Realisierung, manchmal ist die Fortführung fraglich (siehe Elbphilharmonie) und die Fertigstellung erfolgt oftmals deutlich später als ursprünglich datiert. Warum das so ist, hat vielerlei Gründe, die häufig extern geprägt sind:

  • Prozessgeschwindigkeit
  • Kostendruck
  • Differenzierte Kundenwünsche
  • Begrenzte Ressourcen
  • Qualitätsdruck

Ein Grund – wenn nicht sogar der Hauptgrund – liegt jedoch einer anderen Problematik zugrunde: Unzureichendes Zusammenspiel der am Bauprozess beteiligten Parteien sowie fehlendes Verständnis zum Einsatz effizienter, „schlanker“ Arbeitsmethoden. Und genau da setzt Lean Construction an.

Lean Construction: Definition und Ziele

Lean Construction, auf Deutsch soviel wie „schlanke Produktion“ heißend, gilt als Ableitung des bekannten Lean Managements, adaptiert aus den Lean-Prinzipien des japanischen Automobilherstellers Toyota. Generell gesprochen kann Lean Construction als die Konzipierung von Produktionssystemen definiert werden.

Lean Construction ist im Zuge dessen als integraler, kontinuierlicher Prozess zu verstehen. Dabei gilt es als Ziel, den Material-, Zeit- und Arbeitsaufwand zu minimieren, um eine größtmögliche Wertschöpfung zu erzielen. Konkret bedeutet das: Verschwendungen zu beseitigen, Kundenerwartungen zu übertreffen, die Fokussierung auf den gesamten Wertestrom sowie das Streben nach Perfektion.[1]

Wie einleitend schon angerissen, soll Lean Construction die zunehmend komplexer werdenden Bauprojekte so effizient und detailliert wie möglich zu gestalten und nimmt das Symbiose-artige Zusammenwirken aller Beteiligten in den Fokus. Durch agile, softwarebasierte Ansätze sollen so in der anfänglichen Planungsphase Prozesse aufeinander abgestimmt werden, die in der anschließenden Ausführungsphase Anwendung finden. Dabei wird die genau Bauausführung ausgearbeitet, getaktet und auf der Baustelle gesteuert.

Voraussetzungen für erfolgreiches Lean Construction Management

Um Lean Construction erfolgreich umzusetzen, bedarf es einem grundlegenden, gemeinsamen Verständnis der Projektbeteiligten bezüglich der individuellen, bereichspezifischen Prozessabläufe. Auf Basis dessen erfolgt dann die Prozessplanung. Bestandteile dessen sind unter Anderem die Gliederung in sinnvolle Arbeits- und Taktbereiche (Meilensteine) und die Festlegung bestimmter Stabilitätskriterien. Über den aktuellen Ausführungsstand der Bauphase informiert die Tafel – ein Steuerungselement, das Baufortschritte und Hindernisse dokumentiert und so für uneingeschränkte Transparenz sorgt.

Ergänzend dazu gibt es mehrere Methoden, die die Umsetzung von Lean Construction vereinfachen und unterstützen:

  • Last Planner System (LPS)

Das Last Planner System ist auf das Bauwesen speziell ausgerichtetes Projektmanagement-Werkzeug. Es dient zur Verbesserung der Zuverlässigkeit von Prozessen durch strukturierte, vorausschauende und kooperative Planung unter Einbezug der letzten Planer („Last Planner“). [2]

  • Target Value Design (TDV)

Das Target Value Design (Zielwert-Design) versteht sich als kollaborativer Planungsprozess aller Projektbeteiligten mit dem Ziel, ein Projektentwurf zu designen, der dem Eigentürmer den größtmöglichen Mehrwert liefert.

  • Taktplanung- und Steuerung

Die Taktplanung- und Steuerung gilt als Methode zur Prozessplanung auf der Baustelle. Im Zentrum steht der Prozessfluss zur Errichtung des Bauwerks, welcher einer grundlegenden Planung, Anpassung und Steuerung bedarf. Bestenfalls entsteht dabei ein fließender Übergang zwischen den einzelnen Arbeitsschritten.

Die Vorteile im Überblick:

  • Durch eine ganzheitliche Betrachtung der Planung und Ausführung unter Einbezug aller Projektbeteiligten werden Kundenbedürfnisse bestmöglich erfüllt.
  • Die Prozessorganisation bezieht sich auf die gesamte Wertschöpfungskette und den vollständigen Lebenszyklus des Gebäudes.
  • Stetiger Produktionsfluss durch optimierte und angepasste Prozesssteuerung.

Lean Construction und Building Information Modeling

Beide Anwendungen sind als differenzierte Strategien zu betrachten, die in bestimmten Bereichen jedoch Überschneidungspunkte aufweisen. Lean Construction (Management) fokussiert neben der Prozessoptimierung vorrangig die Wünsche und Erwartungen der Kunden und versucht, die Verschwendung möglichst gering zu halten. Bei Building Information Modeling (BIM) spielen vor allem die Aspekte Transparenz, Kommunikation und Kooperation eine bedeutende Rolle. Dabei werden alle Bauabläufe und Prozessentscheidungen, bspw. zur Gestaltung oder zukünftigen Nutzung, zusammen mit den Projektbeteiligten an einem Digital Twin geplant und real umgesetzt.

Doch ebenso wie Lean Construction funktioniert BIM auch nur dann, wenn die Projektbeteiligten konsequent in alle (Veränderungs-) Prozesse der Planung einbezogen werden. Ein ausgeprägtes Zusammenspiel aller Parteien gilt bei beiden Strategien als Hauptbedingung zur Realisierung einer wirtschaftlichen sowie nachhaltigen Prozessgestaltung.


Was genau BIM im Detail auszeichnet, wie es funktioniert und angewandt wird, erklären wir in einem anderen Beitrag.


[1] . Koskela, Lauri: Application of the New Production Philosophy to Construction. Technical Report # 72, Center for Integrated Facility Engineering, Department of Civil Engineering, Stanford University, USA, 1992.

[2]  Ballard, Glenn: The Last Planner System of Production Control, Ph.D. Dissertation, University of Birmingham, UK, 2000.

Autor: Christopher Hermanns